semiotik, politik, österreich

27.4.05

Prekariate

"Seit vier Monaten bin ich selbstständig, jetzt wünsche ich, dass ich diesen Schritt nicht gemacht hätte", erzählte mir ein Taxifahrer gestern abend. Ich sitze in einem sehr schönen, schwarzen Mercedes, den er mit einem fünf Jahre laufenden Kredit gekauft hat. Auf ihm pappt das gelbe Taxischild. Seine 'selbstgewählte' Schicht beginnt um 4 Uhr nachmittags, "ich mache normalerweise gegen 5 Uhr morgens Schluß." Und das jeden Tag.
Die neue Selbstständigkeit bedeutet für ihn: Keinen Urlaub mehr, weniger Schlaf, keine Freizeit. Und inneren Stress, ob er genug Fuhren bekommt, zum Überleben. Meine Fahrt war die erste in dieser Nacht, die mehr als 10 Euro gebracht hat, genau 10,40. Und es war schon 12 Uhr nachts.
Prekär zu arbeiten hat viele Facetten. Ob hinter dem Steuer eines Taxis, hinter einem Computer als Software-Entwickler oder Netzwerk-Administrator, ob als Call-Center Agentin, Prostituierte oder in einem Beratungsbüro. Die erträumte - und mitunter auch erlebte - neue Freiheit ohne die Marotten eines übel gelaunten Chefs (oder einer entspechenden Chefin) hat ihren Preis: Unsicherheit, Risiken, Angst vor totalem sozialen Absturz. Ökonomische Brüche auf dem Weg hin zum Postfordismus und populare Kämpfe gegen das Disziplinarregime des Fordismus haben diese massenhaft neuen sozialen und beruflichen Situationen hervorgebracht. Dabei scheint aber eine Rückkehr in die gute alte Zeit der Fabrik, mit ihrem eisernen Arbeitszeitregime, der Automatisierung menschlicher Handlungen und einer festen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung unmöglich (und sie ist auch nicht wünschenswert).
"Wir finden die Ansätze zur Veränderung in der bestehenden Gesellschaft", so nahm am gleichen Abend bei einer Veranstaltung des Österreichischen Gewerkschaftsbundes ÖGB der italienische Soziologe Sergio Bologna eine alte marxistische These wieder auf. Was bedeutet, dass wir um neue Mindeststandards kämpfen müssen, die möglichst für alle prekären Dienstleistungen gelten sollten. Dabei geht es weniger um Arbeitszeitregelungen und Entlohnungen (das klassische Feld fordistischer Arbeitskämpfe), sondern um Grundsicherungen wie Urlaubsanspruch, Kranken- und Sozialversicherung usw.
Sergio Bologna zeichnete übrigens in seinem Vortrag "Die Zerstörung des Mittelstands" in Wien ein Bild der italienischen neuen Selbstständigen. 6 Millionen an der Zahl, mit durchschnittlich 5,3 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Er schätzte die Zahl der Ein-Personen-Unternehmen auf zirka 2 Millionen, die durchschnittliche Lebensdauer eines solchen Unternehmens ist 3 Jahre, dann gehen sie in Konkurs oder lösen sich einfach so auf. Einige überdauern natürlich diese Zeit, und verdienen dann sehr gut - das darf man nicht übersehen.
Mit der neuen Selbstständigkeit hat sich jedenfalls ein verarmeter Mittelstand entwickelt, der tagtäglich darum kämpft, nicht völlig abzurutschen, der davon träumt, einmal das Geschäft seines/ihres Lebens zu machen. Bis dahin ist aber oft ein langer Weg.