Signifikanten Österreichs
Das Jubiläumsjahr Österreichs basiert auf Zahlensymbolik:1945 (Kriegsende), 1955 (Staatsvertrag und Souveränität), 1995 (EU-Beitritt). Durch dieses dreifache Jubiläum wird eine kontinuierliche Linie suggeriert, an deren Ende das "neue" Österreich stehe; die Daten markieren Signifikanten, die die vielen Facetten erlebter Geschichte an bestimmten Punkten orientiert und damit mögliche andere Bedeutungsgebungen stillstellt.
Inszenierung und Interpretation dieser Daten erinnert an die berühmte Kriegsvorlesung Michel Foucaults, in der er eine historische Konstellation analysiert hat. Dem linearen Diskurs der Herrschafts-Geschichte steht ein untergründiger Diskurs gegenüber, der auf das in den "Gesetzbüchern eingetrocknete Blut"verweist, auf unrechtmäßige Bemächtigungen und Okkupationen.
Träger dieses Diskurses waren französische Aristokraten des 18. Jahrhunderts, so Foucault.
Seitens der österreichischen Regierung wird momentan medial eine Herrschaftsgeschichte inszeniert, wonach der Zweite Weltkrieg, der schicksalshaft über Österreich gekommen sei, eine Art bedauerliches, zu erinnerndes Vorspiel für die dann folgende Gründung der Zweiten Republik darstelle, die dann mit einigen Federstrichen 1955 endgültig "befreit" wurde. Von den damaligen Okkupanten - und von seiner eigenen Vergangenheit. Deshalb stellt der EU-Beitritt die Forführung dieser Linie dar. Diese Linie ersetzt den alten Mythos der Gründung Österreichs aus dem Geist gemeinsamer Gefangenschaft von Katholiken und Sozialdemokraten im Konzentrationslager, der die Republik nach dem Zweiten Weltkrieg fundiert hatte. Die rechts-konservative Regierung hatte nach 2000 alternativlos diese Version zerstört und nun durch die fiktive Linie 1945-1955-1995 ersetzt.
Diese wiederum haben rechte Diskurs-Partisanen in Regierungsdiensten, die freiheitlichen Bundesräte Kampl und Gudenus, torpediert, indem sie einwarfen, Österreicher hätten im Zweiten Weltkrieg doch auf der richtigen Seite gekämpft (weshalb Deserteure Kameradenmörder seien) beziehungsweise indem sie behaupteten, die Konzentrationslager, die regierungsseitig historisiert werden, hätten möglicherweise so gar nicht existiert. Man müsse noch einmal alles prüfen.
Die Empörung über diese Aussagen in der Öffentlichkeit war natürlich groß - doch verdeckt sie die damit sichtbar gewordene Konstellation. Hier erzählt die Macht ihre Geschichte, dort , auf Seiten des Volkes, irisieren unzählige Geschichten und Geschichtchen, die diese Version unterminieren. Die zehnjährige russische Besatzung ist dabei nur eines der Themen des popularen Geschichtsmythos, der sich der Macht entgegenstellt hat und weiter entegegen stellt. Dieser Mythos wird durch die Aussagen der rechten Diskurs-Partisanen befeuert, und das ist auch deren Ziel. Ein Blick in die Leserbriefspalten der Kronenzeitung genügte, um zu erkennen, dass dort die österreichische Vergangenheit ein diskursiver Kampfplatz ist.
Und die österreichische Linke? Wahrscheinlich gibt es in ganz Europa keine Linke, die derart staatstragend wie die hiesige ist. Sie kämpft für den untergegangenen Mythos des Konzentrationslager-Konsenses (der ja auch eine reine Konstruktion war, wie die ehemaligen Nazi-Mitgliede in SPÖ-Diensten beweisen). Was fehlt, das ist etwas Drittes...

0 Comments:
Kommentar veröffentlichen
<< Home